Ortsteil Wessobrunn
Nach
Wessobrunn kommt man, weil man da und dort gehört hat, daß ein
Wessobrunner Künstler die Kirche gebaut hat oder weil der Name "Wessobrunner
Gebet" einem von der Schulzeit her bekannt ist. So erwartet man
sich einen Ort mit viel Geschichte, zumindest mit einer großen
Klosterkirche, und ist dann vielleicht überrascht, daß nicht
alles gewaltiger und eindrucksvoller ist
Um Wessobrunn und seine Bedeutung in der Kunst des Barock und Rokoko
kennen zu
lernen, müßte man weit im Land herumfahren, nicht bloß in Schwaben
und Altbayern. Bis nach Berlin, Versailles, Polen und Rußland müßte
man reisen, um zu bestaunen, was damals von hier aus geschaffen wurde.
Viele Straßennamen in Wessobrunn und Haid erinnern an die Künstlergeschlechter
dieser Blütezeit Wessobrunner Kunst.
Wenn Sie hier sind, erleben Sie den noch immer eindrucksvollen Klosterhof, ein
Werk Wessobrunner Baumeister, Rest einer größeren Klosteranlage, von
der leider viel zerstört wurde.
Der Römerturm oder Graue Herzog, aus schweren Tuffsteinen um 1250 erbaut,
gehörte zur ehemaligen Klosterkirche, die 1810 nach der Aufhebung des Klosters
in der Säkularisation abgebrochen wurde. Steine von Ausgrabungen sind im
Turm aufbewahrt.
Zur Besichtigung können Sie bei der Führung durch das Treppenhaus
hinauf-steigen zum ehemaligen Fürstentrakt, dem Gästeflügel,
der mit seinem üppigen Stuck überrascht. Am Ende des Prachtganges öffnet
sich der Blick zum früheren Prälatentrakt, dem Wohnbereich
des Abtes, der als Vorsteher eines Klosters mit reichem Grundbesitz auch
im staatlichen Leben von Bedeutung war. Durch das Portal mit dem Bild
des Kur-fürsten Maximilian l. von Bayern betritt man den sogenannten
Tassilosaal oder Jagdsaal, benannt nach dem herzoglichen Gründer
des ehemaligen Klosters und nach den Jagdmotiven an der in Malachit gefaßten
Stuckdecke (restauriert 1979).


Führungen
sind fast täglich.
Die Pfarrkirche, die den Klosterhof nach Norden abschließt, ist,
1758 erbaut, ein liebenswertes Denkmal für dieWessobrunner Künstlerschar. Die lebensvollen
Deckenbilder von Johann Baader,
dem "Lechhansl", schildern Szenen aus dem Leben der beiden Kirchenpatrone:
St. Johannes der Täufer und St. Johannes Evangelist.
Die Kirche beherbergt das spätromanische Kreuz aus der Mitte des
13. Jahrhunderts, das zwar noch in strengem Ernst Christus als den Herrn
und Sieger zeigen möchte, aber auch sein Leiden ahnen läßt.
Das Marienbild mit der Bezeichnung "Mutter der schönen Liebe",
entstanden um 1704, zeigt Maria mit einem Kranz von Blumen. Das Bild
wurde im 18. Jahrhundert durch die damals aufkommende Bruder-schaft im
ganzen deutschen Sprachgebiet verbreitet.


Hinter der Kirche sind die "Brunnen des Wezzo", die dem Kloster
und später dem Ort den Namen gegeben haben. Es sind die drei Quellen, über
denen der Bayernherzog Tassilo III. in einem Traum eine Himmelsleiter
geschaut haben soll. Der Jagdbegleiter Wezzo, vielleicht der Grundherr
der Gegend, soll sie am Morgen dem Herzog gezeigt haben. Das sei diesem
Anlaß gewesen, hier im Jahr 753 ein Kloster zu gründen. Später
wurde das Wasser in Becken gesammelt und ein "schön lustig
Sommerhaus" erbaut. Der Klostermauer entlang kann man in etwa 10
Minuten zur Tassilolinde wandern,unter deren schützendem Dach der
Herzog die Nacht verbracht haben soll. Der ursprüngliche Baum war
der innere Kern, um den immer neue Triebe zu mächtigen Stämmen
herangewachsen sind, wenn auch
der innere Teil wieder morsch geworden
ist. Am Lindenplatz steht der 1875 errichtete Gedenkstein mit dem Wessobrunner
Gebet. Dieses gilt als ältester Text der deutschen Sprache, der
heute noch erhalten ist. In einem Büchlein von 814, das wie damals üblich
in lateinischer Sprache geschrieben wurde, hat der unbekannte Verfasser
in seiner Muttersprache Gedanken über Gott und den Ursprung der
Welt niedergelegt.


Wenn
man gegen Westen den Berg hinaufsteigt, vorbei am Friedhof und am Klostergut
von St. Ottilien, gelangt man zur Kreuzbergkapelle, die an die Zerstörung
des Klosters im Jahr 955 beim Einfall der Ungarn erinnert Der einheimische
Maler Matthäus Günther schildert im Deckengemälde von
1771 die Bluttat von damals und die Auffindung des heiligen Kreuzes in
Jerusalem durch die Kaiserin Helena. In die Kapelle ist über einen
Spiegel durch einen Schlitz an der Tür ein begrenzter Einblick möglich.
Der Schlüssel kann am Kiosk entliehen werden.